Reise ins Ungewisse

Im September 1989 entschieden wir uns endlich zur Flucht über Ungarn in die BRD, - aus der DDR.
Doch zunächst ein kleiner Rückblick zu unserem, so viele Jahre ersehntem Vorhaben :
Schon immer wollten wir da weg, - DDR - Staat mit dieser Politik, Ungerechtigkeit, Schikanen, aber es fehlte meistens der genaue Zeitpunkt dafür. Wenn meine beiden Brüder, die schon Jahre im Westen lebten, zu Besuch kamen, oh, wie haben wir Stundenlang über dieses Thema gefachsimpelt.
Um es kurz zu sagen, der Gedanke kam uns schon, meinem Mann und mir, 1968. Damals versah er gerade den Armeedienst für 1 1/2 Jahre bei der Nationalen Volksarmee, Nähe Ratzeburger See, Schlagsdorf. Es wäre ein Einfaches gewesen, sagte er, - „ich kenne genau die Gassen, wo keine Minen liegen“ - er pflügte den Grenzstreifen. Aber unser Kind war noch kein Jahr alt - und unsere Eltern, der Gedanke, sie vielleicht nie wieder zu sehen, war gross. Wir waren 22 Jahre, wussten nicht so recht…..
Und so vergingen die Jahre. Mittlerweile hatten wir zwei Kinder. Die DDR - Bürger konnten Antrag auf Ausreise stellen. Unsere Tochter, damals 16 Jahre, der Sohn 12, wären bereit gewesen zu diesem Schritt, aber der Tochter ihr erster Freund, die erste Liebe, - nein, niemals ginge er aus der DDR weg ,- sagte er. Wieder wurde nichts daraus, warten…
Meine Mutter wurde krank, ein Jahr Pflege. Dann ging auch noch die Ehe am ständigen - kein Material für unser Haus, mein Mann arbeitete ständig noch am Abend, das Geld war knapp, in die Brüche. Es gab ja nichts, nur - gibst Du mir, gebe ich Dir, gegenseitiges helfen.
Mein Mann und ich waren kaputt, nervlich und körperlich - Aus - Schade.
Nun ging der Ärger erst richtig los, der Staat kam, wollte Wohnraum in unserem Haus wegnehmen. Ich wohnte noch mit den Kindern in diesem selbst ausgebauten Zweifamilienhaus, wurde zum Opfer dieses Staates.
Meine Tochter wollte die Wohnung im Parterre mit Ihrem Freund, sie war mittlerweile 18 Jahre, für sich bewohnen.
Ach woher, da gab es keinen Weg und keine Rechte für uns.
Meine Tochter zog zu Ihrem Freund nach Dresden und mein Sohn und ich quälten uns nun alleine mit dem Haus herum. Da hatten wir nun 7 Jahre versucht, aus diesem Haus eine Insel, unsere Insel zu machen, aber alles war zerronnen.
Wer hat schon ein Haus auf einer alten, kaputten Burgruine und darunter fliesst die Elbe, im Hintergrund die Berge, die Sächsische Schweiz...
Nun hatte ich es endgültig satt mit diesem DDR – Regime, die mit einer alleinstehenden Frau machten, was sie wollen.
Wir sagten uns, weg, nur noch weg, - aber wie?
Nun war wieder etwas Zeit vergangen und meine Tochter hatte mit Ihrem späteren Ehemann ein kleines Kind, 1 Jahr alt. Der Sohn hatte gerade seine Lehre erfolgreich bestanden, hatte viele Freunde.
Aber es geschah etwas:
 In Ungarn begann es zu brodeln, die Leute fuhren hin, die ungarische Botschaft gab Schutz. Mehr und mehr Leute kamen aus Ungarn nicht zurück.
War das die Gelegenheit für uns? Auf die wir so lange gewartet hatten? Sollte es jetzt losgehen? Unser kleiner Familienrat tagte, das war Tochter, Sohn, Schwiegersohn und ich.
Meine Tochter sagte zu mir: „Fahre Du mit meinem Bruder nach Ungarn, später stellen wir Antrag auf Familienzusammenführung. Das Kind ist zu klein für so einen Schritt.“ Sie hatte ja recht.
Es tat so weh, was kommt, wenn wir ohne sie gehen, keiner wusste es damals, Sorgen. Mir war so gar nicht wohl zu Mute.
Mein Sohn war sehr traurig, seine Freunde, wem konnte er es schon anvertrauen? Keinem !!! Kein Tschüss, kein Auf Wiedersehen? Sein Herz war so schwer. Es tat mir damals so leid, ich dachte, tu ich jetzt etwas falsches, nehme ich ihm die Freunde, die Heimat? Er war so jung, war zu Hause so beliebt.
Ich hatte 3 Freundinnen. Eine von ihnen konnte West - Fernsehen. So konnte ich die Vorgänge in Ungarn verfolgen. Die zweite Freundin wusste alles von unserem Fluchtplan. Nur einer Freundin konnte ich leider nichts von unserem Vorhaben erzählen, sie war Mitglied in der SED- was sollte ich tun?
Ich hatte Angst, ihr davon zu berichten, obwohl wir schon 45 Jahre Freundinnen waren. Sie hat es mir nie verziehen.
Nun wurde erst einmal ein Visum für Urlaubsaufenthalt in Ungarn beantragt. Das dauerte auch seine Zeit bis man erfuhr, ob es genehmigt wird, oder nicht.
Viele Leute, so erfuhr ich, wurde schon das Visum verwehrt, die Behörden schöpften Verdacht, man traute den Bürgern nicht mehr. Nun glaubte auch ich bald nicht mehr daran, die Hoffnung schwand.
Doch, es kam der ersehnte Brief von der Behörde und ich konnte unser Visa abholen. HURRA !!!
Nun kam bei uns grosse Hektik auf, kurzer Anruf beim Schwiegersohn in Dresden, (privat hatte kaum jemand ein Telefon, nur in den Betrieben) : -„ kommt her, es geht – LOS“, sagte ich nur. Auch am Telefon musste man vorsichtig sprechen, die Bürger wurden abgehört. Nun war alles auch richtig traurig. Einige Wertsachen wurden zu der Freundin mit dem Westfernsehen gebracht. Vorsichtig, denn im Dorf kannte Jeder, - Jeden. Dann sassen wir so beisammen zu Hause, dieses doch traurige Gefühl, dieses jetzt Familie auseinander reissen, ich kann es kaum beschreiben.
Am nächsten Abend ging es dann los.
Verabschiedung vom Enkelchen und Schwiegersohn, ich glaube, die Kleine merkte unsere Unruhe –
Die Freundin, bei der ich mich ständig über die Lage in Ungarn informiert hatte, brachte uns zusammen mit meiner Tochter mit ihrem Auto zum Bahnhof nach Dresden. Wir hatten kein Auto.
Und nun sagten wir Tschüss zueinander: „ Schönen Urlaub“, -ein lächeln, aber die Tränen steckten im Hals, wir durften es uns nicht anmerken lassen. Überall konnte Stasi lauern.
Winke, Winke...
Die Reise ins Ungewisse, sie begann……..
Der Zug setzte sich in Bewegung. Er fuhr sogar noch durch unseren Heimatort im  Elbsandsteingebirge in Richtung Prag- Budapest. Alle Lichter in der Wohnung, die ganze Etage leuchtete, Herzschmerz. Die andere Freundin stand in der Nacht an den Gleisen und sah dem Zug traurig nach. Wir unterhielten uns nicht mehr über die Flucht. Überall im Zug konnten sich Wanzen befinden, wie es in der DDR bei vielen Gelegenheiten üblich war.
So sassen wir nun und fuhren in die Nacht. 
Der Zug war ziemlich voller Mitreisender und wir überlegten, wohin sie wohl fahren mögen? Dort, wo wir hin wollten? Wer weiss?
In Tschechien, damals noch CSSR, kam ein Zollbeamter ins Abteil. Ich weiss noch genau, wie hasserfüllt uns dieser grosse Mann ansah, als wären wir FLÜCHTLINGE….
Alles, aber auch alles, was wir an Gepäck mitführten, mussten wir auspacken, sogar die Tüte mit gewissen Dingen für die Frau...ihrer Tage.
Wir versuchten, bei seinen zynischen Fragen nicht mit der Stimme zu zittern, uns womöglich noch selbst zu verraten. Aber alles ging gut zu Ende und die Fahrt weiter, immer Richtung Budapest. Viele Leute stiegen aus, es wurde immer leerer um uns herum in den Abteilen.
Fuhr keiner mehr nach Ungarn um zu flüchten? Hatten wir gerade noch Glück gehabt mit unserem Visum?
Mein Sohn und ich standen später im Flur am Zugfenster und beobachteten unauffällig die anderen Fahrgäste.
Komisch -, da schaute doch Einer immer her zu uns, bestimmt war es einer von der Stasi - also Vorsicht!!!
Und dann: BUDAPEST- aussteigen…
Hm, wir guckten uns auf dem grossen Bahnhof um, keiner war da, der uns empfing, wo ist das Rote Kreuz? Niemand - und was jetzt??? Ratlosigkeit kam auf.
Wir sahen, dass da drüben dieser eine Mann aus dem Zug stand, jener, der im Zug zu uns her geschaut hatte. In der Hand hielt er einen Stadtplan von Budapest...AHA...
So allmählich ahnten wir, was er suchte, das Gleiche wie wir, - die BOTSCHAFT -.
Also gingen wir schnurstracks auf ihn zu und fragten etwas vorsichtig, was er denn suche? Skeptisch wurden wir gemustert, bis mein Sohn sagte: „Sicher suchen wir das Gleiche“. Ja, so war es dann auch. Aber wie kommen wir dahin?
Wir beschlossen uns ein Taxi zu nehmen - und wenn es zur DDR- Botschaft fährt, wenn es DDR Spitzel sind? Dann laufen wir ohne Tasche weg, so war unsere panische Devise.
Aber das Taxi fuhr zur Kirche, zum Lager, wo tausende Menschen in Zelten untergebracht waren. Menschen, die dort schon wochenlang warteten, dass etwas losgeht. Die Organisation war phantastisch, der Empfang für uns sehr herzlich. Aber es kamen Menschen, Menschen... Jeder Bürger wurde von vielen Kameras der DDR, welche auf der Strasse in Wohnwagen und auf den Dächern vor der Kirche aufgebaut waren, gefilmt.
Das Lager füllte und füllte sich zusehends, es war bald überfüllt. Die Hitze war enorm. Mit unserem wenigen - Urlaubsgepäck - mussten wir nun einige hundert Meter laufen, weil ein Gebäude eines Kinderferienlagers als Fluchtunterkunft freigegeben wurde. Ich weiss noch, wir waren dort die - ersten Ankömmlinge. Doch schon wenige Stunden später waren wir weit über Hundert. 
Es wurde alles Erdenkliche für uns getan, es fehlte an nichts, um uns gut zu betreuen. Der Malteser – Hilfsdienst …Grosses Dankeschön.
In einer Turnhalle schliefen wir, als gegen 21 Uhr 100 Liegen aus Österreich geliefert wurden. Liege stand an Liege. Ich weiss noch, die Erschöpfung war so gross, ich schlief die ganze Nacht durch, ich hörte nichts.
Der nächste Tag war sehr heiss, so beschlossen wir, mit noch anderen Gleichgesinnten ins Gellertbad schwimmen zu gehen.
Wir waren eine tolle Truppe, hielten zusammen und erzählten uns unsere Fluchtgeschichten. Welche waren vom Zug gesprungen, weil er in Budapest an einer Stelle ganz langsam fährt...und vieles mehr.
Am Sonntagabend, so gegen 19 Uhr kamen wir vom Schwimmen zurück. Plötzlich sahen und hörten wir viele hupende Trabbis - was war das - was hatte es zu bedeuten?
Wir beschleunigten unseren Schritt. Plötzlich kam ein Mann die Strasse entlang gerannt und wir fragten ihn: „ Was ist los“ ???
Seine Antwort : „Heute Nacht um 0 Uhr gehen die Grenzen zu Österreich auf – für – IMMER -“. Wir beschleunigten unseren Schritt. Wir waren sehr aufgeregt. - Es war der 11.9.1989 -.
Im Lager an der Kirche war viel Tumult, Aufbruchstimmung und das Westfernsehen.
Die Flüchtlinge wurden sehr unruhig, Panik kam auf. Beruhigende Worte ertönten:  „Die Grenzen bleiben offen, keine Hektik, bitte, bleibt ganz ruhig". Trotzdem gab es viele Menschen - sie wollten weg – trauten all dem noch nicht so richtig.
Viele Leute hatten doch schon Wochen im Lager zugebracht und nun wollten sie endlich in die Freiheit, verständlich.
Ein Sprecher sagte: „Morgen bringen Euch 5 Doppelstockbusse über die Ungarische Grenze nach Österreich und nach Hengersberg, bitte, alle kommen mit" – Erleichterung !!!
Am Abend wurde ausgiebig gefeiert und die letzten Forints in Trinken umgesetzt, es war schön. Für uns waren es nur zwei Nächte in diesem Lager gewesen. Wir knüpften viele Freundschaften, wollten uns Wiedersehen... aber leider kam es nie zustande.
Am nächsten Tag fuhren die Busse Richtung Österreichische Grenze, wo die ungarischen Grenzsoldaten ihre Mützen vor Freude in die Luft warfen, winkten, jubelten und uns zulachten. Wir konnten alles, was so mit uns und um uns herum geschah, noch gar nicht richtig fassen.
In einer grossen Autobahnraststätte in Österreich bei -Rosenberger- wurden wir herzlich zum Essen eingeladen, unglaublich, wieder nur Staunen, Staunen.
Gegen 2 Uhr Nachts überquerten wir die Bundesdeutsche Grenze. Unglaublich – Einmalig, es war der blanke – WAHNSINN - ! Dieses Wort sollte etwas später zum Wort des Jahres gewählt werden.
Unsere Reise führte uns dann nach Deggendorf in Bayern, wo wir in den frühen Morgenstunden in einer Bundeswehrkaserne eine provisorische Unterkunft bezogen. Auch dort war alles klasse vorbereitet für so viele Menschen, schlafen, essen, einmalig. Am folgenden Tag wurden schriftliche Sachen erledigt, Formulare hier und da, alles in einer Zeltstadt unweit unseres Lagers.
Zum ersten Mal konnten wir so viele Südfrüchte essen, wie wir wollten. Dies war uns in der DDR leider nicht möglich. Pro Person bekam man im Geschäft nur eine Banane, tja und die brachten wir dann 30 km. mit der Bahn fahren, nach Dresden zu unserem Enkelchen.
Und weiter zog unser-Lager-, nach Priem, am Chiemsee, ging es. Als sich dort am folgenden Morgen der Frühnebel verzogen hatte, bekamen wir einen unglaublichen Panoramablick auf die Alpen, diese herrlichen Berge, die ich so liebe. Wir waren fasziniert. Vor einigen Wochen hätten wir nicht im Traum daran gedacht, diesen Anblick je geniessen zu dürfen.
Die nächste Etappe war Pfünz, bei Eichstätt. Dort wohnten wir in einem richtigen Schloss und wurden auch dementsprechend bewirtet. Viele Flüchtlinge nutzten die angebotenen Arbeitsstellen zum - Bleiben.
Uns verschlug es aber ins Ruhrgebiet, wo Freunde uns beim Start für diesen neuen Lebensabschnitt hilfreich zur Seite standen. Dafür sind wir Ihnen sehr dankbar.
Als die Mauer im November fiel und die Grenzen geöffnet wurden, kamen endlich auch meine Tochter, mein süsses Enkelchen und der Schwiegersohn.
Endlich waren wir wieder alle zusammen und glücklich.
Rückblickend können wir sagen, dass die Reise ins Ungewisse zu einem - Happy End - geführt hat. DANKE.

Das Schlagwort des Jahres 1989 = Wahnsinn

Budapest - 11.09. 1989 - ich dritte von links, daneben rechts,kurze Hose, mein Sohn.

12.09. - 00 Uhr = Grenzöffnung

Budapest - 12.09.- mittags bringen 5 Doppelstockbusse die Flüchtlinge über die ungarische Grenze und Österreich nach Hengersberg.

Viele Freundschaften entstanden - wir haben uns leider nie wieder gesehen- vielleicht schaffen´s die Fotos...

Ein Scan der Original - Tageszeitung vom 11.09.1989 kann durch einfaches anklicken des Vorschaubildes aufgerufen werden!


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Ankunft am 13.09. - 5 Uhr in Deggendorf in der Bundeswehrkaserne.